Einschläfern der Katze

Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für den Abschied gekommen ist. Wie Sie sich und Ihrem Tier den Abschied erleichtern...

Foto: Thomas Brodmann / animals-digital.de

Konrad war ein Unikum. Ein kleiner schwarzer Kater. Fröhlich, lebenslustig und – zugegeben – nicht gerade besonders gut erzogen. Jahre lang gehörte er zu unserer Familie. Als junger Wirbelwind hielt er uns auf Trab und munterte uns in traurigen Momenten mit seinem unkomplizierten Wesen auf. Später, als Konrad in die Jahre kam, kehrte sich die Medaille. Nun waren wir es, die ihn in schweren Stunden bei der Stange hielten und besonders aufmerksam für sein Wohl sorgten.
Irgendwann aber signalisierte uns unser treuer Kumpel, dass die Zeit für ihn gekommen sei. Er schaltete ab, zog sich immer mehr zurück und ergab sich seinen Altersleiden. Wir wussten, dass wir ihm nun einen würdevollen Abschied schuldig waren. Für uns eine sehr schwere Entscheidung, für Konrad eine Erlösung. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für den Abschied gekommen ist. Zu beurteilen, ob ein altes oder krankes Tier noch Freude am Leben hat oder ob es so sehr leidet, dass der Tod eine Erlösung ist.

Wann ist der Tod eine Erlösung?

Das Wichtigste ist, dass wir diese Entscheidung unabhängig von unseren eigenen, persönlichen Bedürfnissen und Gefühlen – allein im Sinne und zum Wohl unseres Schützlings – treffen! Auf keinen Fall darf die Mühe und Last, die die Haltung eines kranken oder alten Tieres mit sich bringt, Grund dafür sein, ein Tier einzuschläfern. Ein Tier aus dem Leben zu reißen, weil es „nicht mehr perfekt“ oder unbequem geworden ist, ist ein Verbrechen. Andererseits ist es aber auch unverantwortlich, Schmerzen und Leiden eines Tieres zu dulden, die Augen davor zu verschließen.
Auch die eigene Angst vor dem schmerzhaften Verlust darf nicht dazu führen, dass sich das geliebte Tier quälen muss. Dies ist missverstandene Liebe – auf Kosten des Tieres. Wir tragen eine große Verantwortung für unseren Vierbeiner. Er ist auf unsere Fürsorge angewiesen – und muss sich darauf auch verlassen können. So oder so. Wir schulden es ihm, auch bei Krankheit und im Alter für ihn zu sorgen. Ebenso aber schulden wir es ihm, ihn zu erlösen, wenn er sich quält und leidet.

Welche Kriterien sind ausschlaggebend?

Unter der Last der Verantwortung und aus der Sorge, nicht richtig einschätzen zu können, ob ein Tier leidet oder nicht, fragen viele Tierhalter, welche Kriterien ausschlaggebend sind. Ob z.B. ein blindes Tier noch Freude am Leben hat oder ob ein Dackel mit Lähme eingeschläfert werden muss. Verständlich, schließlich möchte man in jedem Fall verhindern, sein Tier zu früh aus dem Leben zu reißen oder aber es unnötig leiden zu lassen. Es gibt sie aber nicht – die allgemeingültigen und eindeutigen Kriterien für Leid und Lebensfreude. Ein vom Charakter sehr ruhiges Tier wird nicht viel vermissen, wenn es in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, ein Wirbelwind dagegen kann darunter sehr leiden.
Eine Katze, die durch einen Tumor ein Auge verliert, verliert deshalb nicht unbedingt seine Lebensfreude. Drückt der Tumor aber auf Nerven und Gehirn, so dass das Tier seine Umwelt kaum noch wahrnehmen kann, sollte man ihm diese Qual ersparen. Entscheidend sind letztlich also Art und Ausmaß der Erkrankung und der allgemeine Gesundheitszustand, aber auch das Alter des Tieres und sein individuelles Wesen. In erster Linie sollten Sie auf das achten, was Ihnen Ihr Tier selber „mitteilt“. Bedenken Sie aber, dass Tiere von Natur aus oft erst sehr spät zeigen, wenn sie krank sind oder Schmerzen haben. In freier Wildbahn schützt sie diese Vorsicht vor Feinden, die in einem kranken Tier eine leichte Beute sehen.

Wichtig ist auch, dass Sie sich in Ihren Liebling als Tier hineinversetzen, seine Lage nicht etwa vom „menschlichen Standpunkt“ aus beurteilen. Ein Mensch, der an Krücken geht, wird z.B. weniger leiden als ein gelähmter Dackel, der an ein Gestell mit Rollen gefesselt ist. Letztlich liegt es bei Ihnen, zu entscheiden, wann die Zeit gekommen ist, Ihr Tier von seinen Leiden zu erlösen. Diese schwere Entscheidung kann Ihnen leider keiner abnehmen. Sofern Sie Zweifel haben, Rat und Hilfe suchen, sollten Sie sich an Ihren Tierarzt wenden und ihn nach seiner Meinung – und Erfahrung – fragen.

Leidet mein Tier im Tod?

Der Fachausdruck für Einschläfern lautet Euthanasie. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „gutes Sterben“ (Eu = gut, Thanatos = Sterben). Viele Tierhalter aber haben dennoch Bedenken, dass das Einschläfern für ihren Liebling nicht „gut“, sondern schmerzhaft sein könnte. Schreckliche Gerüchte über Vierbeiner, die im Todeskampf von Krämpfen und Zuckungen gequält wurden, schüren diese Sorge. Zu Unrecht! Wird ein Tier fachgerecht eingeschläfert, hat es dabei keinerlei körperliche Schmerzen! Es spürt den Eintritt seines Todes nicht!
Grundsätzlich werden Tiere mit einem Narkosemittel eingeschläfert. Ein so genanntes Narkotikum (Barbiturat) wird wissentlich überdosiert, d.h. in einer „zu großen“ Menge in die Blutbahn gespritzt. Das Tier wird so zunächst in eine tiefe Narkose versetzt, so dass es nicht spürt und merkt, wenn die Wirkung der Überdosis eintritt. In der tiefen Narkose hört es auf zu atmen, sein Herz schlägt nicht mehr. Katzen werden vor dem eigentlichen Einschläfern meist mit einem Beruhigungsmittel behandelt, einem so genannten Sedativum oder Neuroleptikum. Diese Spritze wird einfach in einen Muskel des Tieres gegeben und bewirkt, dass es zunächst erstmal einschläft. Erst dann, wenn es tief und fest schläft, wird das eigentliche Narkosemittel in die Blutbahn gespritzt. Dieses „zweistufige Verfahren“ verhindert, dass bei der – wenn auch nur geringfügig komplizierteren – Spritze in die Vene eventuelle Komplikationen oder Verzögerungen auftreten können.

Obwohl sich ein Tier in einer sehr tiefen Narkose befindet, wenn der Tod eintritt, kann es dennoch sein, dass seine Muskeln zucken, dass es Harn oder Kot ablässt. Was für Beobachter schrecklich aussieht, ist aber keineswegs ein Zeichen von Schmerz oder einem Bewusstsein des Tieres. Diese Bewegungen sind rein mechanisch, ähnlich wie Reflexe – das Tier führt sie nicht bewusst aus, es spürt und merkt davon nichts!

Spürt es das nahende Ende?

Um das, was unser Tier im Moment seines Todes rein körperlich spürt, brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen. Daneben aber bleibt die Frage, was unser Vierbeiner in seinen letzten Tagen und Stunden „seelisch“ empfindet und erlebt. Ob ihm sein nahendes Ende bewusst ist, wie er damit umgeht, ob und wie wir ihm dabei helfen können. Dass sich Tiere in freier Wildbahn zurückziehen, eventuell sogar ganz von ihrer Familie trennen, wenn sie ihren Tod erwarten, ist bekannt. Sie ahnen den bevorstehenden Abschied, bereiten ihn instinktiv vor.
Auch ein Haustier, das seinem Menschen von sich aus signalisiert, dass seine Zeit gekommen ist, wird ähnliches empfinden und erleben. Es trauert zwar, der bevorstehende Tod scheint ihm aber keine Angst zu bereiten. Nicht etwa Panik und Todesangst, vielmehr die Gewissheit, dass die Zeit gekommen ist, scheint sein Empfinden zu prägen. In der Regel sind es mehr der Kummer und die Angst des vertrauten und geliebten Menschen, die Unruhe hervorrufen. Instinktiv würde das Tier spüren, dass nun alles seinen rechten Lauf nimmt, die Verzweiflung seines Menschen aber lässt ihn an seinem Instinkt zweifeln. Sie gibt ihm das Gefühl, es passiere etwas „Bedrohliches“.

Stark sein in den Stunden des Abschieds

Etwas anders ist die Situation, wenn ein Tier selber noch nicht merkt, dass der sanfte Tod eine Erlösung ist. Wenn nur wir dies erkannt haben und uns in der Verantwortung für unser Tier entschieden haben, ihm bevorstehende Qualen zu ersparen. Das, was diese Entscheidung für uns bedeutet und in uns auslöst, spürt das Tier. Um unser Tier nicht zu beunruhigen, sollten wir deshalb, auch wenn es sehr schwer fällt, versuchen, in den schweren Stunden des Abschiedes stark zu sein. Unserem treuen Gefährten mutig und tapfer zur Seite zu stehen.
Gerade jetzt braucht er unsere starke Hand, die ihn beschützend begleitet und auf die er sich verlassen kann. Gutgemeinte Gesten wie besonders leckere Mahlzeiten, lange, tröstende Schmusestunden, intensive Gespräche, tun unserem Liebling nur begrenzt gut. Vermitteln wir ihm dabei nämlich das Gefühl, dass etwas „Schlimmes“ passieren wird, fehlt ihm der Halt seines „Rudelführers“. Er wird sich unsicher, verlassen und unwohl fühlen. Keiner kann und will Ihnen Ihre Trauer verbieten – schließlich ist der Tod eines treuen Gefährten äußerst schmerzhaft – doch versuchen Sie zum Wohl Ihres Schützlings, ihn Ihre eigene Verzweiflung und Hilflosigkeit nicht spüren zu lassen.

Vorbereitung muss sein

Wichtig ist, dass wir auch die äußeren Umstände so gestalten, dass unserem Tier in seinen letzten Stunden unnötiger Stress und beängstigende Aufregung erspart bleiben. Haben Sie sich entschieden, Ihrem Tier den sanften Tod zu schenken, sollten Sie sich in Ruhe mit Ihrem Tierarzt besprechen. Fragen Sie ihn, ob es ihm möglich ist, einen Hausbesuch zu machen und Ihren Liebling in seiner vertrauten Umgebung einzuschläfern. Ist dies nicht möglich, sollten Sie sich unbedingt einen speziellen Termin geben lassen. Legen Sie diesen gleich zu Beginn oder an das Ende der Sprechstunde, so dass Sie mit Sicherheit nicht lange im Trubel der Praxis warten müssen.
Überlegen Sie sich zuvor, ob Sie in den letzten Minuten bei Ihrem Tier sein möchten. Dies erst im letzten Moment spontan zu entscheiden, könnte Sie nämlich überfordern. Die daraus entstehende Unruhe könnte sich auf Ihren Liebling übertragen und auch ihn belasten. Ebenfalls vorher und in Ruhe sollten Sie sich überlegen, ob Sie eine Ihnen nahestehende, vertraute Person bitten, Ihnen in dem schweren Moment zur Seite zu stehen. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie außerdem vorab mit Ihrem Tierarzt das unangenehme Thema besprechen, was nach dem Einschläfern mit Ihrem Tier geschieht. Ob Sie den Leichnam mit nach Hause nehmen, selber beerdigen oder beerdigen lassen, oder ob sich stattdessen Ihr Tierarzt seiner annimmt. Entscheiden Sie sich für eine der ersten beiden Möglichkeiten, muss leider auch dies vorbereitet werden.

Was hilft bei der Trauer?

Trotz der Gewissheit, dass es für unseren Liebling eine Erlösung war, ist sein Tod für uns alles andere als leicht zu verwinden. Der Verlust schmerzt, wir trauern, sind verzweifelt. Tröstende Worte wie „Es war besser so. Denk an die gute Zeit, die ihr gemeinsam hattet…“ helfen da nur wenig. Was aber hilft? Diese Frage lässt sich nur sehr individuell beantworten. Jeder geht anders mit seiner Traurigkeit um. Dem einen hilft es, sich abzulenken, der andere aber braucht gerade die intensive Auseinandersetzung mit seiner Trauer. Letztlich hilft es vielleicht, Trost bei anderen Tierfreunden zu suchen, die aus eigener Erfahrung nachvollziehen und verstehen können, was in Ihnen vorgeht. Von diesen Leidensgenossen zu erfahren, wie sie mit dem Tod Ihres eigenen Schützlings umgegangen sind, was ihnen hat helfen können.
Zum Abschluss dieses „traurigen Kapitels“ möchte ich Ihnen nun noch unsere persönliche Erfahrung mit auf den Weg geben, die Ihnen vielleicht doch etwas Mut machen kann. Auch wir haben um unseren alten Konrad schmerzlich getrauert – und wir vermissen ihn immer noch sehr. Wenn wir heute aber in froher Runde zusammen sitzen und seiner gedenken, empfinden wir Dankbarkeit. Doch, Konrad hatte ein gutes Leben – und wir, wir hatten einen wahrlich wundervollen Mischlings-„Köter“. Und es gibt uns ein gutes Gefühl, der Verantwortung ihm gegenüber bis zuletzt gerecht geworden zu sein.

Was passiert "danach" mit meinem Tier?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten. Eine ist, dass Sie Ihren verstorbenen Liebling in den Händen Ihres Tierarztes lassen. Der kümmert sich darum, dass Ihr Tier in eine so genannte Tierkörperbeseitigungsanstalt gebracht wird. Dort wird der Leichnam erhitzt, Anteile von ihm eventuell weiterverarbeitet. Die zweite Möglichkeit ist, dass Sie Ihr Tier mit nach Hause nehmen. Dann ist es allerdings Ihre Pflicht, den Leichnam nach gesetzlichen Vorschriften zu beerdigen oder auf einem Tierfriedhof bestatten zu lassen. (Thekla Vennebusch, Tierärztin)

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