Sinne & Orientierung von Katzen
Warum finden Katzen nach Hause? Nicht nur Katzenhaltern, auch Wissenschaftlern gibt dieses Phänomen seit Jahrzehnten Rätsel auf.
Wochenlang hatte die Katzenhalterin aus Schleswig ihre Jenny verzweifelt gesucht. Die Katze war während des Urlaubs im portugiesischen Livramento spurlos verschwunden. Zwei Jahre später hörte sie im Garten ein klägliches Miauen. Vor der Tür stand das total abgemagerte Tier. Jenny war fast 3000 km zurück nach Hause gelaufen. Solche Geschichten, wie sie der Wissenschaftsjournalist Ernst Meckelburg in seinem Buch „Das geheime Leben der Tiere“ beschreibt, gibt es unzählige. Und das hat bereits in den 20er-Jahren die Wissenschaftler neugierig gemacht. So brachte z.B. Prof. Friedrich Schwangart seine eigene Katze auf Umwegen 16 Kilometer in ein ihr unbekanntes Gebiet. Nach kurzer Zeit war das Tier wieder daheim. Anhand der Geschwindigkeit, die Katzen normalerweise zurücklegen, schloss der Experte, dass der Kater nur etwa neun Kilometer gelaufen sein konnte. Er hatte also einen viel kürzeren Weg gefunden. Viele Experten schreiben das Heimfindevermögen von Katzen ihrem besonderen Orientierungssinn zu. Sie kommen nicht nur mit sechsmal schwächerem Licht aus, sie hören auch besser als wir Menschen. Im Gegensatz zu Hunden können Katzen sogar Geräusche unterscheiden, die aus derselben Richtung, aber aus verschiedenen Entfernungen kommen. Mit dem heimischen Sonnenstand im Kopf, so heißt es, können sie aus dem veränderten Winkel an unbekannten Orten die Richtung „errechnen“.
Zusammenspiel der Sinne
Einige Wissenschaftler machen auch ihre Fähigkeit, wie Rutengänger unterirdische elektrische Felder zu orten, dafür verantwortlich. Andere wiederum glauben, dass die Tiere sich mit Hilfe des Magnetfelds der Erde orientieren. Der New Yorker Hirnforscher Frank Morell fand heraus, dass Katzen mit Hilfe spezieller Nervenzellen in den Augen Töne nicht nur über ihre Ohren, sondern auch über die Augen aufnehmen können. Das Sehzentrum im Gehirn empfängt vom Auge die „Hör-Bilder“ der gewohnten Umgebung, die dann bei Bedarf abgerufen werden können. Viele Experten gehen davon aus, dass das Zusammenspiel der Sinne den Samtpfoten den Heimweg weist. Eine der großräumigsten Untersuchungen zu dieser Thematik wurde bereits 1952 von den Physiologieprofessoren H. Precht und E. Lindenlaub an der Universität Kiel gemacht. Die beiden entwickelten ein Blocklabyrinth. Dazu wurden sechseckige Säulen (S) in zwei Ringen aufgestellt. Vor den zwölf zweigeteilten Ausgängen wurde jeweils eine Tür (T) plaziert. Um diese Ausgänge verlief ein ringförmiger Raum (R), der wiederum sechs Ausgänge (A) hatte. Das Labyrinth wurde in unterschiedlichen Entfernungen vom Wohnort aufgestellt und die Tiere in einem dunklen Kasten (K) in die Mitte gestellt. Nach außen war die Sicht durch Wände (W) versperrt Das Ganze wurde bis auf die äußeren Ausgänge mit Kunststoffbahnen abgedeckt. So war eine Orientierung nach optischen Eindrücken ausgeschlossen. Die Wissenschaftler beobachteten nun, welchen Ausgang die Katzen benutzten, wenn der Kasten aufging.
Aufs Zuhause geprägt
Mehr als die Hälfte der Tiere wählten sofort das Türchen, das in Richtung ihrer Heimat ging, wenn diese nicht weiter als fünf Kilometer entfernt war. Je weiter ihre Wohnung entfernt war, desto seltener benutzten sie den richtigen Ausgang. Ab 12 km fanden sie ihn nur mehr zufällig. Auch die Unterbringung spielte eine Rolle. Lebten die Tiere vorübergehend entfernt von ihrem Wohnort in einem gemeinsamen Gehege, fanden sie bedeutend schlechter nach Hause als die Katzen, die nach jedem Versuch heimgebracht wurden. Nur ein Kater startete fast immer richtig. Während die beiden deutschen Forscher die vielfach intensive Bindung der Tiere an ihr Heim im Sinne von Konrad Lorenz als Prägung bezeichnen, spricht der britische Biologe Dr. Rupert Sheldrake von morphischen Feldern. Katzen und andere Tiere bilden mit ihrer häuslichen Umgebung eine Vertrautheit und sind durch ein morphisches Feld damit verbunden. Da sich diese Verbindung wie ein Gummiband dehnen und als Kanal für telepathische Kommunikation fungieren kann, können sie sich weiter von ihrem Zuhause entfernen, als ihre „normalen“ fünf Sinne reichen. Auch der Katzenexperte Dennis C. Turner geht in seinem neuen Buch („Turners Katzenbuch“, Kosmos 2004) auf das Thema Heimfindevermögen ein: „Einerseits sind diese Schilderungen nur schwer zu überprüfen und zu bestätigen (erstaunlich viele Katzen sehen genau gleich aus, und es gibt auch viele streunende Katzen); andererseits sind solche Berichte sehr zahlreich und enthalten oft genaue Angaben der von der Geschichte überzeugten Halter, so dass auch wir Wissenschaftler sie ernst nehmen müssen.“ Da der Vorfahre der domestizierten Katze ortstreu und territorial war (und ist), bestand Turners Ansicht nach allerdings „kein evolutionärer Selektionsdruck, diese Fähigkeit speziell auszubilden“.
Aktuelle Dokumentation
Seit 1996 sammelt auch die Katzen-Expertin Susy Utzinger Erfahrungsberichte zu diesem Thema. „Da ich schon seit langem im Tierschutz arbeite, ein eigenes Tierheim betreue und häufig mit anderen Tierschutzorganisationen in Kontakt bin, wurde ich zwangsläufig immer wieder auf das sagenumwobene Heimfindevermögen gesto-ßen“, berichtet die Schweizer Katzen-Expertin. In den Hunderten von Briefen, die sie gesammelt hat, finden sich auch immer wieder Tipps, wie man das Weglaufen seiner Katze verhindern kann. So schrieb z.B. eine 80-jährige Dame die Tatsache, dass ihr nie eine Katze weggelaufen sei, dem Umstand zu, dass sie ihr Tier nach einem Wohnungswechsel sofort vor einen großen Spiegel gestellt und so lange dort festgehalten habe, bis es sich selber im Spiegel anfauchte. Dadurch habe sich die Katze selber erkannt und wisse auch, wo sie nun zu Hause sei. Zwar ist dieser Ratschlag der alten Dame wohl mit Vorsicht zu genießen, in einem aber hat die Katzenfreundin sicherlich recht: „Aufpassen ist besser als suchen“. (Saskia Brixner)














